Glühwein, Schnee & andere Katastrophen
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Kapitel 1 · Erstes Türchen
1. Dezember
Am Morgen des ersten Dezembers log mich mein Adventskalender an.
Dieses Jahr wird dein Dezember ganz ruhig , stand in Großtante Friedas Handschrift auf dem Zettel hinter dem ersten Türchen. Ich hätte es besser wissen müssen. Frieda schreibt mir diese Kalender, seit ich sechs bin, vierundzwanzig Zettelchen jedes Jahr, von Hand gefaltet und in einen Kalender aus festem Karton gesteckt, den sie ebenfalls selbst bastelt, weil gekaufte Kalender „innen hohl“ seien, womit sie nicht die Schokolade meint. Und noch nie, in dreißig Jahren, hat auch nur einer dieser Zettel die Wahrheit gesagt. Der Zettel von letztem Jahr hatte behauptet, ich solle auf Überraschungen im Job gefasst sein . Elf Monate später war die Agentur pleite. Der Zettel von 2019 hatte geraten, Halte dich von Männern fern, die ihre Schuhe nicht selber putzen. Ich habe nicht auf ihn gehört, und der Rest ist eine Geschichte, die zwei Jahre und eine Kiste Taschentücher gekostet hat.
Man könnte sagen, Friedas Zettel lügen nicht, sie treffen nur schief ein wie Wettervorhersagen und Silvestervorsätze.
Genauer gesagt war die Agentur seit Freitag pleite. Neun Jahre lang hatte ich bei Wortwerk & Söhne Werbetexte geschrieben, obwohl es nie Söhne gegeben hatte und zuletzt auch kein Werk mehr. Am letzten Tag hatte ich meinen Karton gepackt, und es war ein beschämend leichter Karton für neun Jahre gewesen. Eine Tasse, ein Kaktus, den ich in all der Zeit nicht totgekriegt hatte, was mich rückblickend mehr mit Stolz erfüllt als manche Kampagne, und ein Ordner mit meinen gesammelten Slogans. Ich habe im Aufzug hineingesehen. Neun Jahre voller Sätze wie Verwöhnung, die man spürt und Frische, neu gedacht . Auf dem Parkplatz habe ich den Ordner ins Altpapier gelegt, vorsichtig, wie man einen Verstorbenen bettet, und die Tasse und den Kaktus mit nach Hause genommen. Vielleicht war die Insolvenz einfach die gerechte Strafe des Universums für Frische, neu gedacht . Ich sage nicht, dass das Universum kleinlich ist. Ich sage nur, es liest mit.
Ich saß also am ersten Dezember um kurz nach acht arbeitslos und ungeduscht in meiner Kölner Küche, vor mir der Kalender, neben mir der Kaktus, und tat das Einzige, was in so einer Lage hilft. Ich schrieb eine Liste.
Listen sind meine Art zu beten. Ich schreibe sie, wenn die Welt unordentlich wird, und die Welt war an diesem Morgen so unordentlich wie mein Haar. Neues Leben, Stand 1. Dezember , schrieb ich oben aufs Blatt, und darunter.
1. Job suchen
2. Vorher rausfinden, was ich eigentlich will
3. Vorher Kaffee
Bei Punkt drei klingelte das Telefon, und auf dem Display stand FRIEDA, in Großbuchstaben, denn so hatte sie sich vor Jahren eigenhändig in mein Telefon eingetragen. „Damit du siehst, dass es wichtig ist“, hatte sie gesagt.
„Merle, Kind“, sagte sie statt einer Begrüßung. „Wie schnell kannst du hier sein?“
„Frieda? Was ist passiert?“
„Gar nichts ist passiert. Also, fast gar nichts. Das Wadenbein ist ein bisschen geknackst, aber der Doktor übertreibt maßlos, du kennst ihn ja.“
Ich kannte ihn nicht, aber das spielte in Friedas Sätzen selten eine Rolle. Frieda formt ihre Sätze mit Bedacht, sodass man mittendrin schon zustimmt, bevor man das Ende kennt. „Du hast dir das Bein gebrochen?“
„Angeknackst. Das ist ein Unterschied, frag den Doktor, oder besser, frag ihn lieber nicht, er dramatisiert.“ Im Hintergrund schepperte etwas, das nach Rollator klang und nach einem Möbelstück, das ihm im Weg gestanden hatte. „Ich habe nur die Lichterketten aufgehängt, wie jedes Jahr, und der Hocker war anderer Meinung als ich. Wir sind beide unsanft gelandet, aber der Hocker wurde nicht eingegipst, der Glückspilz.“
„Frieda, du bist vierundachtzig. Warum hängst du Lichterketten von einem Hocker aus auf?“
„Weil die Leiter im Schuppen steht und der Schuppen zugeschneit ist. Stell keine Logikfragen, dafür ist keine Zeit.“ Sie machte eine Pause, in der ich sie förmlich mit der Hand wedeln sah. „Jedenfalls stehe ich jetzt mit Gips da, und in vier Tagen macht der Markt auf, und die Hütte kann sich ja schlecht selbst betreiben.“
Die Hütte. Man muss dazu wissen, es gibt Familien, die vererben Häuser oder Streit. In meiner Familie gibt es die Hütte. Stand Nummer 7 auf dem Lichtenbrunner Weihnachtsmarkt, seit 1987 in Friedas Hand. Dort gab es Glühwein nach einem Rezept, dessen siebte Zutat sie nicht einmal dem Pfarrer verraten hatte, und der hatte es immerhin unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses versucht. Ich hatte als Kind jede Weihnachtsferien dort verbracht, hinter dem Tresen auf einer Bierkiste stehend, zuständig für Zimtstangen und dafür, wichtig auszusehen. Es war die erste Anstellung meines Lebens, und bis Freitag war sie die beste gewesen. Jetzt war sie streng genommen die einzige.
„Frieda, ich kann doch nicht einfach…“
„Natürlich kannst du, du hast ja jetzt Zeit.“
Ich starrte mein Telefon an. „Woher weißt du das?“
„Kind, ich bin zwar vierundachtzig, aber nicht ahnungslos. Deine Mutter hat es meiner Schwägerin erzählt, die hat es der Bäckerin erzählt, und die Bäckerin liefert mir freitags die Semmeln. Schneller ist das Internet auch nicht.“ Dann wurde ihre Stimme anders, nur um eine Winzigkeit, aber ich hörte es sofort, so wie man bei einem vertrauten Motor das kleinste Klopfen hört. „Und der Markt, na ja, darüber reden wir, wenn du hier bist.“
„Was ist mit dem Markt?“
„Fahr vorsichtig, es schneit.“
Dann legte sie auf, bevor ich Nein sagen konnte. Das ist Friedas Superkraft. Andere Menschen haben eine gute Rückhand oder fehlerfreie Steuererklärungen, Frieda hat das Auflegen. Sie legt auf wie andere Leute Asse ausspielen, im genau richtigen Moment, und danach ist das Spiel vorbei.
Ich saß eine Weile da und sah auf meine Liste. Dann strich ich Punkt eins bis drei durch und schrieb darunter.
1. Lichtenbrunn
Danach rief ich Lotte an.
Lotte ist seit zwanzig Jahren meine beste Freundin, seit einem Studentenwohnheim-Küchendienst, bei dem sie meinen Abwasch-Plan an sich genommen, neu sortiert und mit den Worten, „So, jetzt funktioniert er“, zurückgegeben hatte. Wenn man uns nebeneinanderstellt, versteht man sofort, warum das seit zwanzig Jahren hält. Ich beginne Listen, Lotte beendet sie. Ich habe Ideen, Lotte hat Ordner. Und wenn ich einen Handschuh verliere, findet Lotte ihn in meiner Manteltasche, in der ich vorher schon dreimal nachgesehen habe.
Als ihr Chef ihr im November eröffnet hatte, dass sie dreiundvierzig Überstundentage abzubauen habe, und zwar bitte noch dieses Jahr, hatte sie das persönlich genommen. Lotte stemmt seit sieben Jahren die Projekte der Firma Klingbeil, und die Firma Klingbeil dankt es ihr, indem sie es nicht bemerkt. Wenn Lotte gut arbeitet, sieht hinterher alles so aus, als wäre nie etwas gewesen, und für ein Gewitter, das nicht stattgefunden hat, bedankt sich kein Mensch. Sie spricht nicht darüber. Sie sortiert dann nur auffällig lange ihre Ablage.
„Lichtenbrunn“, sagte sie, nachdem ich fertig erzählt hatte. „Das ist das Dorf, aus dem deine Großtante kommt. Die, die mir zum Geburtstag einen selbstgestrickten Topflappen geschickt hat.“
„Das war eine Mütze.“
„Umso besser, dass wir das mal klären.“ Ich hörte, wie im Hintergrund eine Schranktür aufging, und mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. „Ich komme mit. Jemand muss ja fahren, während du Listen schreibst.“
„Du hast doch gar keinen Urlaub.“
„Ich habe dreiundvierzig Tage Überstunden und einen Chef, der mich bis Januar nicht sehen will. Wenn ich noch eine Woche zu Hause sitze, fange ich an, die Gewürze alphabetisch zu sortieren, und zwar rückwärts. Vorwärts habe ich schon durch.“
„Lotte, es kann sein, dass es dort kein ordentliches Internet gibt.“
„Merle, es kann sein, dass mir das gerade recht ist.“
Zwei Stunden später stand sie vor meiner Tür, mit einem Koffer, in dem vermutlich für jede Wetterlage ein Plan lag, einer Thermoskanne Tee, schwarz wie ihre Kommentare, und einer laminierten Wegbeschreibung, für den Fall, dass „dieses Bergdorf weniger Netz hat als Ambitionen“. Mein eigener Koffer war zu diesem Zeitpunkt erst zur Hälfte gepackt, wobei die Hälfte aus drei Wollpullovern und einem Stapel Papier bestand.
„Was ist das?“, fragte Lotte und deutete auf den Stapel.
„Bewerbungsunterlagen. Falls ich zwischendurch mein Leben ordnen will.“
„Du fährst auf einen Weihnachtsmarkt, um Glühwein auszuschenken.“
„Man kann nie wissen.“
Sie nahm den Stapel wortlos aus dem Koffer und legte dafür meine Handschuhe hinein, dann meine Mütze und dann das Ladekabel, das noch in der Steckdose hing. So ist das mit uns. Ich packe Möglichkeiten, Lotte packt, was man braucht.
Die Fahrt dauerte laut Navi viereinhalb Stunden, und es wurden dann doch sechs, weil es ab der Hälfte zu schneien begann, erst zögerlich, dann so dicht, dass die Scheibenwischer kaum noch hinterherkamen. Lotte fuhr, ich war zuständig für Süßigkeiten und Theorien. An der Raststätte hinter Ulm kauften wir Gummibärchen und einen Kaffee, der seinen Namen nicht verdiente, und ich entwickelte zwischen Parkplatz und Auffahrt drei Theorien darüber, was mit dem Markt sein könnte. Theorie eins. Die Gemeinde erhöht die Standgebühren. Theorie zwei. Frieda hat Streit mit einem anderen Standler, vermutlich mit der Kuchenfrau, von der sie seit Jahren in einem Ton spricht, in dem andere Leute nicht mal über Wühlmäuse sprechen. Theorie drei kam mir erst hinter München in den Sinn, und sie gefiel mir nicht, also sprach ich sie nicht aus, als könnte man Theorien am Wahrwerden hindern, indem man sie im Handschuhfach lässt.
„Sie hat gesagt, darüber reden wir, wenn du hier bist“, sagte ich stattdessen. „Das hat sie noch nie gesagt. Frieda redet über alles sofort, am Telefon oder notfalls über den Friedhofszaun. Wenn Frieda etwas nicht am Telefon sagen will, dann ist es ernst.“
„Vielleicht will sie es dir einfach persönlich sagen.“
„Nein, Lotte, als mein Onkel Herbert damals sein ganzes Geld in eine Alpaka-Zucht gesteckt hat, hat sie es mir um Mitternacht auf den Anrufbeantworter gesprochen, plus die gesamte Einschätzung der Tiere.“
Lotte schwieg einen Kilometer lang. „Wie war denn die Einschätzung?“
„Sie hat den Alpakas mehr Verstand bescheinigt als Herbert.“
„Ich mag deine Großtante“, sagte Lotte und setzte den Blinker.
Hinter dem Tunnel wurde aus dem Schneefall Schneetreiben, und aus der Landstraße wurde eine weiße Ahnung mit Leitpfosten. Die letzten Kilometer ging es in Serpentinen bergauf, der Kombi arbeitete sich Kurve um Kurve, und ich klebte am Fenster wie früher als Kind, wenn hinter einer bestimmten Felsnase das Tal aufging und meine Mutter sagte, „Gleich siehst du es.“
Und dann sah ich es.
Lichtenbrunn tauchte zwischen den Schneeflocken auf wie etwas, das sich ein Spekulatius-Hersteller für seine Verpackung ausgedacht hatte. Geduckte Dächer unter dicken weißen Hauben, und mittendrin eine Kirche mit einem Zwiebelturm, der sich seit jeher ein kleines bisschen nach links lehnte, als wollte er hören, was im Gasthof geredet wird. Aus den Kaminen kam der Rauch senkrecht in die Dämmerung, in den Fenstern brannte warmes Licht, und für einen Moment war ich wieder acht und roch gebrannte Mandeln durch ein heruntergekurbeltes Autofenster.
Nur, der Marktplatz lag dunkel da.
Ich kannte diesen Platz mein Leben lang nur leuchtend, mit Lichterketten von Kastanie zu Kastanie und dem Geruch von gebrannten Mandeln bis hinauf zur ersten Kurve. Jetzt standen die Hütten da wie zusammengerückte dunkle Schafe im Schnee, kein Licht, kein Dampf, und vor Stand Nummer 7 lehnte eine Leiter, die niemand weggeräumt hatte. Sie wartete da wie ein Beweisstück.
„Hm“, machte Lotte, und das ist bei ihr schon ein ganzer Absatz.
Frieda öffnete die Tür, bevor wir klingeln konnten, was bedeutete, dass sie am Fenster gestanden und die Straße beobachtet hatte. Das machte sie vermutlich seit Stunden, was sie natürlich nie zugeben würde. Sie stand im Flurlicht, klein und aufrecht, das Gipsbein vorgestreckt wie ein erlegtes Jagdtier und gestützt auf einen Rollator, den sie vor sich hielt wie einen Einkaufswagen, mit dem sie es eilig hat. Sie trug ihre gute Strickjacke, die dunkelrote, die sonst nur sonntags Dienst hat, und auf der Ablage des Rollators lagen ein Notizbuch, ein Kugelschreiber und, aus Gründen, die sich mir erst viel später erschließen sollten, ein sehr großer alter Schlüssel.
„Da bist du ja“, sagte sie, als hätte ich mich lediglich zum Kaffee verspätet und nicht gut sechshundert Kilometer hinter mich gebracht. Sie musterte mich von oben bis unten und nickte, als hätte die Lieferung der Bestellung entsprochen. Dann entdeckte sie Lotte hinter mir, und ihre Augenbrauen stiegen um einen Zentimeter. „Und du bist die mit der Mütze.“
„Nein, ich bin die mit dem Topflappen“, sagte Lotte.
Frieda betrachtete sie einen Moment lang sehr genau, so wie sie auf dem Markt Geldscheine gegen das Licht hält, und dann tat sie etwas, das sie bei neuen Menschen fast nie tut. Sie lächelte mit beiden Mundwinkeln gleichzeitig. „Die gefällt mir“, sagte sie zu mir, drehte den Rollator um und schob ihn voran durch den Flur, vorbei an siebzig Jahren gerahmter Familienfotos, in die Küche, aus der es nach Kachelofen und Bratäpfeln roch.
Die Küche war, wie sie immer gewesen war. Der lange Holztisch, die Ofenbank, das Regal mit den Einmachgläsern, deren Etiketten Friedas Handschrift trugen und Jahreszahlen, die Respekt verlangten. Nur eines war neu. Auf dem Küchentisch lag, mit vier Tassen beschwert, als könnte es sonst davonfliegen, ein amtlich aussehendes Schreiben. Ich konnte auf die Entfernung nur das Wappen der Gemeinde erkennen und ein Wort in fetten Buchstaben, das „Beschlussvorlage“ hieß. Daraufhin fing mein Kopf sofort an, leise zu ticken.
„Setzt euch“, sagte Frieda und wuchtete ihr Gipsbein auf den freien Stuhl, den sie offenbar genau dafür bereitgestellt hatte. Sie sah uns beide an, erst mich, dann Lotte, dann wieder mich, und in ihren Augen war etwas, das ich dort noch nie gesehen hatte und erst viel später benennen konnte.
„Schön, dass ihr da seid“, sagte sie, „wir haben nämlich ein Problem, das größer ist als mein Bein.“
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